|

Das Magazin &
Online |

|
Schenken und was noch ?
Gedanken zum Fest ...
Drei Tage noch, nur noch drei
Tage. Und ich habe immer noch keine Geschenke. Wie jedes Jahr. Ständig laufe
ich auf der letzten Minute in die Stadt. Aber ich weiß ja auch nie, was ich
schenken soll. Nein, ich will ja was schenken, meinen Eltern, meinem kleinen
Bruder und auch meiner Schwester - obwohl ich die nicht sonderlich mag. Aber
es ist ja Weihnachten, und da sollen alles etwas bekommen. Etwas Schönes
bekommen. Ja klar, Oma und Opa kriegen auch was. Und vielleicht Tante Margot
und Onkel Heinz - wenn das Geld reicht.
Oje, das Geld. Ich hab mein Sparschwein geplündert. 47 Euro und 98 Cent hab
ich gezählt. Na, immerhin. Die Abi-Fahrt war teuer genug. Aber ich weiß
immer noch nicht, was ich wem schenken kann. Und bei den vielen Leuten, die
was kriegen sollen, können es ja auch nur ein paar Kleinigkeiten sein. Sonst
geht’s ja gar nicht.
Ups, hätte ich doch fast das wichtigste Geschenk vergessen: das für meinen
Freund. Erik wäre bestimmt maßlos enttäuscht, wenn ich für ihn nichts
Schönes fände. Der hat schon lange was für mich, hat er gestern noch gesagt.
So, jetzt aber. Wollen doch mal sehen, ob wir nichts finden - wäre doch
gelacht.
Sie streift durch die Straßen, schlendert an Schaufenstern vorüber, schaut
hier, überlegt dort. Dann rüber zum Weihnachtsmarkt. Das Mädchen sieht sich
um, freut sich an den bunten Ständen. Flackernde Lichter, überall tönt der
Engel Chor aus den Lautsprecherboxen, ein Duft von Lebkuchen, Waffeln und
anderen Leckereien liegt in der Luft. Und plötzlich hört sie von rechts eine
Stimme: „Hey, haste ‘nen Euro für mich?“
Sie guckt sich um und ein kleiner Junge steht da, vielleicht acht Jahre alt,
der in abgerissenen
Jeans, alten Schuhen und einem geflickten dicken Pullover, mit seinem
struppigen Haaren und den großen Augen im Moment so gar nicht in die
freudige vorweihnachtliche Stimmung des Mädchens passt.
Einer, der bettelt, und dann noch so ein kleiner Junge, der ist bestimmt
angelernt und wird zum Betteln getrieben. Kinderarbeit, das kann ich nicht
unterstützen, denkt sie noch - da kommt auch schon die Mutter des Jungen,
zieht ihn beiseite und sagt: „Lass gut sein, wir werden schon irgendwoher
Geld auftreiben“, will sich mit ihm abwenden.
Das Mädchen stutzt und fragt nach. Es erfährt in knappen Worten von dem
schweren Unfall des arbeitslosen Vaters und von den Problemen, die sich da
auftun. Bergisch Gladbacher Tafel, ja, Unterstützung von den zuständigen
Ämtern, auch ja, aber für Geschenke reicht es hinten und vorne nicht. Nein,
die Eltern können schon ein paar kleine Geschenke kaufen, erklärt der Junge.
Aber er, er selbst, er wolle doch auch etwas schenken. Aber er hat nun mal
überhaupt kein Geld, und basteln kann er nicht, nein, er konnte noch nie
basteln „Das ist Mädchenkram“, sagt er, zieht die Nase hoch, weil er doch
gleich anfängt zu flennen und will doch nur dem Papa, der im Krankenhaus
liegt, eine Freude machen.
„Hier hast du Geld“, sagt das Mädchen zu dem kleinen Jungen, steckt ihm
einen Zwanziger zu, dreht sich um und will in der Menge verschwinden.
„Danke“, hört sie noch die Stimme des Jungen, „Danke, danke“, immer noch und
ist erschrocken über sich selbst, erfreut und verdutzt gleichzeitig und
irgendwie beschwingt.
Sie ersteht ein paar Kleinigkeiten auf dem Markt, läuft noch schnell ins
Kaufhaus, findet für Erik ein Buch und kann es gar nicht abwarten, zu
erzählen, was da gerade passiert ist.
„Das“, so sagt die Oma drei Tage später, als sie gemeinsam am Tisch sitzen
und die Weihnachtsgans dampfend darauf wartet, vertilgt zu werden, „das ist
ja ein Ding. Und wie fühltest du dich, als du dem Jungen das Geld in die
Hand gedrückt hast?“
„Wie Weihnachten“, antwortet das Mädchen, „es war ein Gefühl wie
Weihnachten“ und lächelt und weiß, dass es richtig war, obwohl - für Tante
Margot und Onkel Heinz reichte das Geld dann nicht mehr. |