No. 3  
 

 


Das Magazin & Online

Die fünf Kandidaten


Klaus Orth


Lutz Urbach


Renate Beisenherz-Galas


Tomás Santillán


Alexander Voßler

 
 

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Fragen an die Kandidaten
Jugendliche aus dem Q1 befragen die Bürgermeisterkandidaten


Es gibt Dinge, die vor allem für Jugendliche interessant sind. Es gibt Dinge, die nur für Jugendliche interessant sind. Aber auch das sind Bereiche, mit denen sich ein Bürgermeisterkandidat beschäftigen muss. Denn es ist nicht zu vergessen: eine Stadt ohne Jugend, ohne junge Menschen ist eine tote Stadt. Durch sie lebt die Stadt, durch sie entsteht Leben.

Deshalb haben einige Jugendliche aus dem Q1 Fragen an die Bürgermeisterkandidaten formuliert, die sich um ihre Interessen drehen, bei denen die Bedürfnisse der Jugend im Mittelpunkt stehen.

Was wollen Sie für die Interessen der Kinder und Jugendlichen in Bergisch Gladbach tun?

Orth (SPD): Zu allererst will ich den hohen schulischen Standard in Bergisch Gladbach halten - und das auch in Zeiten der Finanzkrise. In den nächsten Jahren werden wir daher einen klaren Schwerpunkt beim Thema Bildung setzen.
Wichtig finde ich darüber hinaus gute Freizeitangebote. Für Jugendliche ist Bergisch Gladbach da eher langweilig. Ein modernes, großes Kino wäre sicher ein Gewinn, hieran wird aktuell auch gearbeitet. Zudem muss auch die Einkaufsstadt Bergisch Gladbach attraktiver für junge Leute werden.

Urbach (CDU): Förderung von Kindern bereits im Vorschulalter ist extrem wichtig. Gerade im letzten Kindergartenjahr können durch qualifiziertes und neutrales Fachpersonal Fähigkeiten der Kinder aufgedeckt und gefördert werden und die Vorbereitung auf die Schule angetrieben werden. Darum setze ich mich dafür ein, dass das letzte Kindergartenjahr beitragsfrei wird.

Beisenherz-Galas (Grüne): Zum einen ist da der Bereich Freizeit, der in Gladbach etwas zu kurz kommt. Da sollte es deutlich mehr Jugendeinrichtungen geben. Im Bereich Schule ist für mich der Bereich der Ganztagsschule mit einem interessanten Nachmittagsangebot und mit gutem, vollwertigem Essen in eigenen Mensen wichtig. Der Bereich der KiTas muss weiter ausgebaut werden… Es gibt eine Menge zu tun.

Santillán (Linke): In Deutschland lebt jeder fünfte Jugendliche von Sozialhilfe. Da Hartz IV aber nach Haushalten berechnet wird und Kinder und Jugendliche dabei eine untergeordnete Rolle spielen, muss da umgedacht werden, um deren finanziellen Stand zu verbessern. Ein weiterer Punkt ist, dass jeder siebte Schüler keinen Schulabschluss macht. Auch da muss viel getan werden.

Vossler (Kiditiative): Die Kiditiative ist ja vom Namen her schon die Partei der Kinder. Unser Vorteil gegenüber den großen Parteien ist, dass wir den Schwerpunkt unserer Aufmerksamkeit komplett auf Kinder, Jugendliche und Familien setzen können und alle Problematiken von dem Standpunkt aus betrachten, wie die Auswirkung auf die Jugend ist. Konkret wollen wir zum Beispiel den Bau eines Skate/BMX Parks und evtl. einer Kletterwand.



Wie wollen Sie die teilweise schlechten Zustände der Schulen verbessern?

Orth (SPD): An den Schulen ist in den letzten Jahren bereits einiges passiert. In Schulgebäude, Sportplätze und -hallen wurden Millionenbeträge investiert, so dass die Schulen bei uns weitaus besser sind als z.B. in Köln. Die Schulsanierung muss aber in den nächsten Jahren mit gleich hoher Priorität fortgesetzt werden.

Urbach (CDU): Kinder und Jugendliche müssen vor allem in einer für die Gesundheit sicheren Umgebung unterrichtet werden. Bei Gebäuden mit gesundheitsschädigenden, alten Bausubstanzen müssen sofortige Renovierungsmaßnahmen ergriffen werden. Aufgrund der schlechten Haushaltslage können darüber hinaus gehende Ausbaumaßnahmen allerdings nur bei entsprechender Prioritätensetzung vorgesehen werden.

Beisenherz-Galas (Grüne): Die Sanierung der Schulen ist äußerst wichtig, da diese sonst vollkommen verfallen. Dabei sollte man direkt auf ökologisch sinnvolle Sanierung setzen und erneuerbare Energien und Wärme-/Dämmschutz nutzen. Außerdem brauchen wir insgesamt eine bessere Ausstattung der Schulen.

Santillán (Linke): Wir fordern eine zweite Gesamtschule, bessere Schulausstattung und mehr Lehrer.

Vossler (Kiditiative): Es werden ja im Moment schon einige Schulen saniert. Allerdings muss man sich bei diesen Arbeiten die Schulen genau ansehen und auf die speziellen Bedürfnisse der Schüler und Lehrer eingehen, anstatt einfach ohne Plan Geld in Maßnahmen zu stecken, die später nicht genutzt werden, wie im Fall der Mehrzweckhalle im DBG. Außerdem müssen wir das Konzept der Ganztagsschule genau unter die Lupe nehmen und zusehen, dass die Schüler nicht einfach nur untergebracht werden, sondern dort auch gute Sozialarbeit geleistet wird.



Die Gesamtschule in Paffrath erlebt eine Anmeldeschwemme und kann nicht alle Schüler aufnehmen. Was denken Sie über den Bau einer weiteren integrierten Gesamtschule in Bergisch Gladbach?

Orth (SPD): An eine weitere Gesamtschule ist im Moment nicht gedacht. Anfang 2010 werden wir Schulentwicklungsplanung betreiben, um zu sehen, ob sich der momentane Trend der Gesamtschule hält, welche Zukunft die Hauptschule hat und wie man in der Hinsicht weiter planen muss.

Urbach (CDU): Das System der integrierten Gesamtschule findet nicht nur in Bergisch Gladbach großen Zuspruch - vor allem bei Kindern, die nach der Grundschule eine Hauptschulempfehlung bekommen. Wenn es klar wird, dass genug Interesse von Schülern aus allen Schulsystemen an einer solchen Schulform besteht, muss man das Thema einer weiteren Gesamtschule ergebnisoffen diskutieren. Es bleibt aber natürlich die Frage, wo im Kreis gegebenenfalls eine solche Schule den richtigen Standort findet.

Beisenherz-Galas (Grüne): Das Modell der Gesamtschulen ist ja deutlich ein durchlässigeres Modell als andere Schulformen.. Das gibt Schülern während ihrer Schullaufbahn bessere Chancen auf einen höheren Schulabschluss. Der Elternwunsch nach mehr Plätzen sollte unbedingt berücksichtigt werden, und auch wenn nicht das erforderliche Drittel von Schülern mit Gymnasialempfehlung bei den Anmeldungen zusammenkommt, halte ich einen Neubau oder den Ausbau einer Gesamtschule für sinnvoll.

Santillán (Linke): Die Errichtung einer neuen Gesamtschule am Schulzentrum Otto Hahn Schule neben den dort existierenden Schulen wäre eine Möglichkeit. Die Größe der Schule und Nähe zu anderen Schulen machen eine Einrichtung da sehr gut möglich. Herkenrath wäre eine weitere Variante.

Vossler (Kiditiative): Das Konzept der Gesamtschule hat natürlich Vorteile. Bei einem Wechsel des Schulsystems haben Schüler da die Möglichkeit trotzdem in einem vertrauten Umfeld zu bleiben, was den Wechsel deutlich einfacher macht. Ich bin also prinzipiell für eine weitere Gesamtschule. Diese in eine vorhandene Schule zu integrieren ist ja möglich, wie man schon am Beispiel Odenthal sieht, die ebenfalls einen weiteren Schulzweig dazu bekommen haben.


Wie beteiligen Sie Kinder und Jugendliche an innerstädtisch politischen Entscheidungen? Was halten Sie von einem Kinderbürgermeister/Jugendparlament?

Orth (SPD): Eine stärkere Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der Kommunalpolitik finde ich gut. Es gibt bereits eine solche Zusammenarbeit als Aktion „Einen Tag Bürgermeister“ bzw. als Projektwoche „Eine Woche Politiker“. Solche Initiativen, die vom Jugendamt und von Jugendeinrichtungen unterstützt werden, brauchen allerdings die Mitwirkung von aktiven Schulen. Ich nehme außerdem immer gerne an Gesprächen in Schulen teil; auch hier muss der Anreiz von engagierten Lehrern und Lehrerinnen kommen.

Urbach (CDU):
Ich suche und pflege den direkten Kontakt mit Kindern und Jugendlichen, wenn es um Entscheidungen geht, die sie besonders angehen. So habe ich als Jugenddezernent in Hennef mit Jugendlichen gesprochen als es um den Ausbau eines Jugendparks in der Innenstadt ging. Auf ihren Wunsch hin wurden eine Graffitiwand und eine „Hängemattenpalme“ gebaut. An anderer Stelle wurde mit Skatern zusammen ein Skaterpark entworfen und gebaut. Leider gibt es ein solches Angebot in Bergisch Gladbach ja überhaupt nicht. Ich möchte die Position eines Jugendbeauftragten etablieren, der in regelmäßigen Treffen mit Jugendlichen, am besten in Zusammenarbeit mit Schulen, über ihre Interessen redet und diese möglichst gut umsetzt. Ein Kinderbürgermeister oder Jugendparlament rein zum repräsentativen Zweck macht keinen Sinn.

Beisenherz-Galas (Grüne): Ich bin für den Versuch eines Jugendparlaments in Bergisch Gladbach. Öffentliche Aktionen für Jugendliche mit politischem Hintergrund, wie dieses Interview, sollten helfen, Jugendliche auf das Thema Politik aufmerksam zu machen und sich evtl. auch in den Parteien zu engagieren.

Santillán (Linke): Ich finde die Idee eines Jugendparlaments, das auch einen Kinderbürgermeister wählt super. Das kann die Stadt auch sofort beschließen. Das Jugendparlament sollte dann aber auch eigene politische Entscheidungskraft und Haushaltsmittel haben, um eigene Projekte umsetzen zu können. Außerdem fordern wir in Bergisch Gladbach eine Heruntersetzung des Wahlalters auf 14 Jahre.

Vossler (Kiditiative): Bei uns können Jugendliche direkt an den Fraktionssitzungen teilnehmen und mitreden. Wir haben uns auch immer für ein Jugendparlament stark gemacht und werden das auch weiterhin tun.


Mit Hinsicht auf den Einsatz des Nothaushalts im nächsten Jahr und die schlechte finanzielle Situation: Wie können Ziele umgesetzt werden oder sind Streichungen im Bereich der Offenen Jugendeinrichtungen zu erwarten?

Orth (SPD): Ein gewisser Standard an öffentlichen Einrichtungen und Dienstleistungen muss auch in finanziell schwierigen Situationen erhalten bleiben. Ich halte es nicht für richtig, gleich mit Kürzungen zu reagieren. Um den notwendigen Standard zu erhalten, müssen dann gegebenenfalls auch Zugeständnisse bei der Verschuldung gemacht werden.

Urbach (CDU): Stichwort: intelligentes Sparen. Es ist möglich, vorhandene Ressourcen effektiver zu nutzen, indem man z.B. die Räumlichkeiten sozialer Einrichtungen intensiver ausnutzt und dort Veranstaltungen abhält. Nicht jeder Bezirk braucht eine eigene Jugendeinrichtung, wenn einige besser genutzt werden können. Ich bin überzeugt, dass hier gerade durch eine Beteiligung der Jugendlichen Mittel zielgerichteter eingesetzt werden können. Diese wissen selber am besten, was ihnen wichtig ist

Beisenherz-Galas (Grüne): Ich will es nicht hoffen. Es gilt natürlich erstmal den Nothaushalt noch zu vermeiden. Wenn es doch dazu kommt, müssen evtl. auch das Land oder der Bund den Kommunen finanziell unter die Arme greifen.

Santillán (Linke): Da Jugend zum großen Teil keine Pflichtaufgabe ist, werden die jetzigen politischen Mehrheiten da auch weiterhin kürzen. Die Landes- und Bundesregierungen sind zu großen Teilen auch mit für die schlechte finanzielle Situation in den Kommunen verantwortlich, indem ihnen massiv Mittel entzogen worden sind. Wir werden uns dafür einsetzen, dass im Bereich Jugendarbeit nicht gekürzt wird und da sogar mehr Gelder eingesetzt werden.

Vossler (Kiditiative): Man muss ja nicht direkt an der Jugendarbeit kürzen. Meiner Meinung nach muss die Politik versuchen Industrie und Privatleute davon zu überzeugen, sich an der Finanzierung der Jugendzentren zu beteiligen. Verbesserungen an der Jugendarbeit müssen sehr gezielt gemacht werden, damit Geld nicht verschwendet wird. Dazu muss man die Jugendzentren kennen und verstehen.


Wie kann der Schuldenberg der Stadt Bergisch Gladbach abgebaut werden, damit er nicht unseren Kindern und Enkelkindern überlassen wird?

Orth (SPD): Wir haben in den Städten vorrangig ein Einnahmenproblem. Es kommt einfach zu wenig Geld vom Land bei uns an. Die Städte und Gemeinden haben in den letzten Jahren mehr Aufgaben übernommen. Der Anteil der Steuermittel hat sich aber im Gegenzug nicht erhöht. Hier ist eine grundlegende Reform nötig, um den Schuldenberg abzubauen!

Urbach (CDU): Eine der wichtigsten Einnahmequellen einer Kommune ist die Gewerbesteuer. Diese kommt von Firmen, die in der Stadt angesiedelt sind. Darum ist es nötig, neue Firmen für den Standort zu gewinnen und den Kontakt zu lokalen Unternehmen zu pflegen, um diese hier zu behalten. Zusätzlich kann unter anderem eine intelligente Personalpolitik in der Stadtverwaltung zu Kosteneinsparungen führen.
„Ich biete einfach an, mir den Hintern dafür aufzureißen, dass die Dinge in dieser Stadt gut und besser laufen.“

Beisenherz-Galas (Grüne): Das ist eine schwierige Frage. Man darf die Stadt natürlich auch nicht kaputt sparen aber auch nicht zulassen, dass die Schulden weiter wachsen. Es gibt ja bereits Kommunen, die den Schuldenabbau erfolgreich bewältigen. Ich würde mir deren Konzepte genau angucken. Neben Hilfe vom Land oder Bund ist in dieser Situation auch darüber nachzudenken, ob man mit moderaten Steuererhöhungen, z.B. im Bereich der Grundsteuer, den Schuldenberg abbaut. Oh je, jetzt hab ich mich um 10 Prozent der Wählerstimmen gebracht. *lacht* Das will natürlich keiner.

Santillán (Linke): Wir benötigen höhere Einnahmen. Es muss eine Umverteilung der Steuereinnahmen auf Bundes- und Landesebene zu Gunsten der Kommunen geben. Wir müssen endlich dafür sorgen, dass alle Menschen in Erwerbsarbeit kommen. Wer erwerbstätig ist, zahlt Steuern und kann für sich selbst sorgen. So werden die Haushalte entlastet. Ein übertriebener Sparkurs und weiterer Personalabbau machen Menschen arbeitslos und zerstören das soziale Zusammenleben. Stattdessen benötigen wir ein dezentrales Konjunktur- und Investitionsprogramm welches in den Regionen Arbeitsplätze schafft, Wirtschaft, Umwelt und damit unsere Zukunft sichert. Sparen sollten wir uns den Krieg in Afghanistan und die unnötigen Prestigeprojekte, mit denen sich Politiker ihre eigenen Denkmäler bauen wollen.

Vossler (Kiditiative): Um die Schulden einzudämmen, muss es sicher auch Einschnitte beim Bürger geben. Meiner Meinung nach muss man auch seine Ressourcen so optimal nutzen, dass man zum scheitern verurteilte Projekte auch nicht versucht mit viel Geld zu retten, sondern das Geld da einsetzt, wo es am meisten Profit und Erfolg bringt. Sehr wichtig ist es dabei, Industrie und Gewerbe nach Bergisch Gladbach zu holen. Wobei wir sicher nicht mehr Einkaufszentren brauchen.


Mit einem herzlichen Dank an die Kandidatin und die Kandidaten, die sich die Zeit genommen haben, die Fragen der Jugendlichen - so kurz und prägnant wie möglich - zu beantworten.