No. 5  
 

 


Das Magazin & Online



Stimmungsvoller und traditioneller
Weihnachtsschmuck
Foto: Alina Willems


Der Weihnachtswunschzettel -
eine Tradition, die auch heute noch gepflegt wird
Foto: by_Stephanie-Hofschlaeger_pixelio.de


Heute wird vielfach Kritik an der Begehung
des weihnachtsfestes geübt.
Die Kritik lässt sich im Wesentlichen
auf die Schlagworte
Profanierung, Kommerzialisierung und Hektik
konzentrieren.
Profanierung - weil in vielen Familien
das Fest weg vom Christlichen hin zum
reinen Familienfest mutiert.
Kommerzialisierung - weil bis weit
vor die Adventszeit zurückreichend
der Umsatz mit Weihnachtsmotiven
in den Kaufhäusern und der
Werbung angekurbelt wird
Hektik - weil man in der Adventszeit
nicht zur Ruhe kommt,
weil man vollständig mit den
Festvorbereitungen und der
Suche nach dem passenden
Geschenk ausgelastet ist.

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Weihnachten früher ...
Wie hat Oma Weihnachten gefeiert?


Nun, ich bin zwar nicht so alt, dass ich Opa sein könnte … oder vielleicht doch? Na ja, egal, jedenfalls könnte ich euch erzählen, wie früher Weihnachten gefeiert wurde. So in den 50er Jahren.

Jo Mann, das ist verdammt lang her. Das war die Zeit, als es noch kein Fernsehgerät gab, jedenfalls in vielen Familien nicht. Telefon? Nein, viel zu teuer. An Flatrate war damals nicht zu denken. Wer ein Telefon sein eigen nennen wollte, musste einen Anschluss beantragen. Dem Antrag wurde auch - fast immer - entsprochen. Nach Monaten. Anschlussgebühr und Monatsgebühren waren für damalige Verhältnisse immens hoch. Und dann erst die Gesprächsgebühr: 0,23 Mark, also 23 Pfennige, pro angefangene Minute. Ich möchte den von euch sehen, der heute für 11,5 Cent pro Minute stundenlang durch die Gegend fonen würde. SMS, Email, Internet - Nada.

Aber ich schweife ab. Es geht um Weihnachten. Früher hat es häufiger geschneit, im Winter lag eigentlich immer, fast immer Schnee. Für uns Pänz war das eine tolle Sache. Endlich kam Abwechslung in die Bude. Dicke Hose, dicken Pullover, Mütze, Schal und Handschuhe an - und raus. Denn: kein Fernsehen (siehe oben), Konsolen waren nicht erfunden. Schneeballschlacht, Schneemann bauen, Schlitten fahren. Wenn einer von uns ein Paar Ski hatte, war er der König. Mitten in einer solchen Winteridylle kommt Vater von der Arbeit nach Hause. Zu Fuß. Eine Stunde Fußweg täglich hin und zurück. Also insgesamt zwei Stunden. Und dazu hat er einen Tannenbaum unter dem Arm. „Wir müssen dem Christkind helfen. Alleine kann es nicht allen Kindern Weihnachtsbäume ins Haus bringen. Also packen wir mit an.“

Mit großen Augen verfolgte ich, wie Vater den Baum ins Haus trug und damit verschwand. Bis zum Heiligen Abend habe ich den Baum nicht mehr gesehen. Bis heute frage ich mich, wo das grüne Ding in all seiner Pracht bis zum 24. Dezember versteckt war. Ich werd' es nie erfahren.

Ab und an fuhr ich in diesen Vorweihnachtstagen mit meiner Mutter mit dem Bus in die Stadt. Ich drückte mir die Nase platt an den Schaufenstern und freute mich riesig, wenn wir dann zur Krönung des Tages in den Kaufhof gingen. Weil es dort eine „riiiiiiiiiiiiiiiesige“ Spielzeugabteilung gab, die ganz viele Sachen zeigte, die ich so gerne zu Weihnachten gehabt hätte - doch dazu reichte das Geld nicht. Und immer
wieder fragte meine Mutter mich auf dem Heimweg, ob ich denn dort an dem großen Platz nicht auch den kleinen Jungen gesehen hätte, der so friert, weil er keinen Mantel besitzt. Und immer schüttelte ich den Kopf, weil ich ihn, obwohl ich Ausschau gehalten hatte, schon wieder nicht gesehen hatte.

Am Abend musste ich dann einen Mantel überziehen, der längst nicht fertig war. Überall steckten Näh- und Reihnadeln, Kreidestriche waren hier und da zu sehen. Meine Mutter, die als Näherin in jüngeren Jahren (und auch später wieder) gearbeitet hatte, und mein Vater, der als Zuschneider das Brot für die Familie verdiente, hatten einen Mantel zusammen gesteckt. „Der ist für den kleinen Jungen in der Stadt, der immer so friert“, sagte sie und ich freute mich, helfen zu können. Weil der kleine Junge genauso groß war wie ich, konnte man prima bei mir Maß nehmen.

Am Heiligen Abend war ich - und bin ich heute noch - ganz furchtbar aufgeregt. Mutter war in

der Küche beschäftigt und Vater wuselte durch das Wohnzimmer, wo hinein ich plötzlich nicht mehr durfte. „Vater hilft dem Christkind“, hieß es lapidar und dabei hätten ja wohl kleine Kinder nichts verloren.

Es wurde Mittag und Nachmittag, die Eltern waren beschäftigt. Zwischendurch was Schnelles gegessen, ich war viel zu aufgeregt. (Nein, nicht bei McDonalds, den gab's natürlich noch nicht. Und auch nicht in der Frittenbude - wer sollte das denn bezahlen?) Am späten Nachmittag dann Vaters Aufforderung: „Komm, wir gehen zum Friedhof, die Oma besuchen“.

Das war immer so bei uns. Jedes Weihnachten, natürlich auch zwischendurch, aber jedes Weihnachten besuchte ich zusammen mit meinem Vater Omas Grab auf dem Friedhof, der in einer guten dreiviertel Stunde Fußmarsch zu erreichen war. Und wir hatten uns viel zu erzählen. Jeder aus seiner Welt und es war gut so. Und wir brachten der Oma Blumen

aufs Grab und sprachen ein Gebet und dann ging's wieder Heim. Wieder eine dreiviertel Stunde lang. Doch wie schnell die Zeit verging. Denn wir zählten Weihnachtsbäume, die schon hell erleuchtet in den Wohnzimmern der Menschen standen. Dort war das Christkind schon gewesen. Denn es war klar, dass nur dort die Kerzen an den Bäumen brennen konnten, wo sie das Christkind eigenhändig entflammt hatte.

Zuhause gab es dann in der Küche erst einmal ein leckeres Abendessen - Hähnchen mit Brot oder Kartoffelsalat. Seltsamerweise war die Tür zum Wohnzimmer, durch die man ansonsten, weil sie mittig mit einer Rauchglasscheibe versehen war, durchsehen konnte, mit einer dicken Decke verhängt. „Das Christkind ist da, es darf jetzt nicht gestört werden“, so hieß es und ich rutschte merklich nervöser auf meinem Stuhl hin und her. Und dann stand Vater auf, weil er glaubte, etwas gehört zu haben, und ging ins Wohnzimmer - zum Christkind. Nach einiger Zeit steckte er den Kopf wieder zur Küche herein und sprach feierlich: „Das Christkind ist fertig - und wieder weiter geflogen. Wir könnten jetzt mal schauen.“ Dazu läutete er eine kleine Glocke.

Er öffnete die Wohnzimmertür und ich schaute auf den herrlichsten Weihnachtsbaum, den ich je gesehen hatte. Die Kerzen flackerten und ihr Licht spiegelte sich in vielen runden Christbaumkugeln, dazu war der Baum prachtvoll über und über mit Lametta geschmückt, Wunderkerzen hingen kopfüber von den Zweigen und warfen ihre Funken wie kleine Sternschnuppen von sich, Schokolade und Lebkuchen rangen darum, wer von beiden am häufigsten im Baum zu finden sei. Dann durfte ich oder musste - nein, es war Tradition, ich tat es einfach - ein Gedicht, ein Weihnachtsgedicht aufsagen und gemeinsam sangen wir ein paar Weihnachtslieder. „Stille Nacht, heilige Nacht“, „Oh du fröhliche“, „O Tannenbaum“, was uns einfiel und zwischendurch spinkste ich immer wieder auf den Wohnzimmertisch, der, bedeckt mit einem großen weißen Betttuch, sich beinahe bog von all dem, was wohl unter dem Tuch versteckt sei.

Nach dem letzten Lied durfte ich dann das Tuch, das Geheimnis, lüften. Jeder von uns sah einen bis über die Ränder gehäuften Teller mit allerlei Leckereien vor sich. Und nichts von alledem war von Aldi. Den gab's damals nicht. Alles, ob Plätzchen oder Lebkuchen oder was auch immer, alles war selbst gebacken. Und dann sah ich ihn. Den Mantel. Der doch für den kleinen Jungen gedacht war, der immer so fror. Warum lag er jetzt hier? Das verstand ich nicht. Ich hatte mich so gefreut, dem kleinen Jungen helfen zu können - und jetzt der Mantel hier. Ich brach in Tränen aus - und ich war stocksauer, dass meine Eltern mich so verladen hatten.

Irgendwann an diesem Abend habe ich den Mantel doch noch angezogen, er passte wie angegossen und schließlich freute ich mich trotzdem darüber.

Am nächsten Tag, am ersten Weihnachtstag, setzten wir uns in den Bus, um zu Oma und Opa zu fahren. Dort traf man die ganze Familie. Oma und Opa, zwei Tanten, zwei Onkel, einen Vetter, zwei Cousinen. Unter einem Weihnachtsbaum, der natürlich längst nicht so schön war wie der bei uns zuhause, waren Päckchen aufgehäuft. Wir sangen alle zusammen Weihnachtslieder, die Pänz standen mit strahlenden Augen vor dem Baum und verhaspelten sich in ihren Gedichten. Ein Buch, Legosteine, ein Blechauto, Strümpfe, ein Hütchenspiel (nein, nicht das, was wir heute als solches bezeichnen. „Fang den Hut“ hieß es damals und war ein Brettspiel). Die Männer tranken eine Flasche Bier, die Frauen waren mit ihrer Bowle beschäftigt und wir Kinder liefen in den Park, um mit anderen Kindern im Schnee zu toben. Abends gab es Schnittchen für alle, geschmierte Brote, mit Wurst und Käse belegt.
Ein schönes Weihnachten.