No. 7  



Das Magazin & Online


 

von Jessica Brück





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Das Semester meines Lebens
Auslandssemester macht selbstständig


Als ich mein Studium im Wintersemester 2008 an der Uni Köln aufnahm, machte ich, wie so viele meiner Kommilitonen, die Erfahrung, dass ich mich ganz und gar falsch in meinem Studiengang fühlte. Ich hatte meine Studienfächer Englisch und Französisch zwar bewusst gewählt, jedoch hatte mich keine Infoveranstaltung, kein Faltblatt darauf vorbereitet, dass ein Studium mit meinem ehemaligen Lieblingsschulfächern fast nichts gemein hatte...

Völlig abstrakt, überflüssig, realitätsfern erschienen mir meine Kurse. Schon nach zwei Monaten war ich es Leid. In einer Infoveranstaltung an der Uni fand ich dann plötzlich eine Alternative... Das ERASMUS-Programm ist ein europäisches Austauschprogramm für Studierende, das Studienaufenthalte an euro­pä­ischen Hochschulen und Praktika durch Stipendien unterstützt. Für das Auslandsstudium liegt das Stipendium bei zirka 110-170 Euro monatlich; zudem werden die Studiengebühren erlassen. Ich stand also vor der Wahl: Entweder das Studium abbrechen, und nichts tun oder auf eigene Faust meine Sprachfertigkeiten verbessern. Die Entscheidung für Frankreich fiel mir leicht, und ich machte mich mit Eifer an meine Bewerbung. Ein Motivationsschreiben, ein ausgefülltes Dokument und die Auswahl einer Partneruniversität - in meinem Falle die im nordfranzösischen Lille.

Im Februar 2009 war all dies erledigt, und ich wurde auch tatsächlich an meiner Wunschuniversität genommen. Dann kam erst mal lange nichts... - ...bis mir irgendwann bewusst wurde, dass ich mir eine Wohnung organisieren sollte. Als ich dann nach Lille fuhr, um vor Ort im Studentenwohnheim nachzufragen, erfuhr ich, dass ich kein Zimmer dort bekommen könnte, weil ich erst im dritten Semester war. Plötzlich war August. In einem Monat sollte ich umziehen. Mein großes Glück war dann das StudiVZ.... Dort fand sich der Beitrag einer jungen Deutschen, die während ihres Aufenthaltes in Lille bei einer Familie gewohnt hatte, kostenlos, im Austausch für Hausaufgabenbetreuung und Babysitting. Ich weiß noch, wie ich aufgeregt vorm Bildschirm saß und rief: Das ist das Richtige. Und ich schwor mir, alles zu tun, damit diese Familie mich als nächstes „Au Pair“ nehmen würde. -

Und irgendwann kam tatsächlich die Email, die mich zu einem Treffen nach Lille einlud. Ich schnappte mir meine beste Freundin und wir fuhren gemeinsam die nur 300 Kilometer dorthin; in der Hinterhand hatte ich sogar doch noch ein (schlechtes) Angebot für eine Wohnung, die wir am selben Abend besichtigen konnten. Irgendwie schaffte ich es aber doch, von mir zu überzeugen und ich konnte im September einziehen. Die wenigsten Studenten haben soviel Glück wie ich. Viele suchen auch über das Internet. Allerdings ist Lille keine billige Stadt, und oft war ich erschrocken über die winzigen Zimmer meiner neuen Freunde, die monatlich 350 Euro verschlangen. Überhaupt kann so ein Erasmussemester - oder gar ein Jahr - sehr ins Geld gehen. Aus diesem Grund habe ich mich auch gegen Paris als Studienort entschieden.

Die Unterstützung von ERASMUS kam bei mir erst zum Ende meines Aufenthaltes an. Sie wurde im Nachhinein noch einmal erhöht, wovon ich sehr profitiert habe. Bei der Wohnungssuche würde ich daher jedem zukünftigen Erasmusler raten, sich eben nicht auf die Universität zu verlassen, sondern aktiv zu suchen, um ein gutes Angebot zu finden, beispielsweise in einer WG. Studentenwohnheime sind vor allem zur Sprachverbesserung nicht so gut geeignet, außerdem fand ich sie qualitativ ziemlich schlecht. Eine Woche nach meiner Anreise begann dann das Semester. Ich hatte schon im obligatorischen Intensivsprachkurs einige Kommilitonen kennen gelernt, aber plötzlich stand ich vor dem Problem, mir meinen Stundenplan zusammen basteln zu müssen. In Deutschland hatte ich das einfach online erledigt, aber das System in Lille war etwas komplizierter. Alles musste aus einem einzigen Ratgeber per Hand notiert werden. Dabei war es schwierig, die beiden Fächer zu kombinieren, denn in Frankreich studiert man nur ein Fach auf Bachelor. Und schon früh kristallisierte sich heraus, dass wohl nicht alle meine Kurse angerechnet werden würden.

Ehrlicherweise muss man daher sagen, dass die richtige Kurswahl schwierig werden kann, besonders, wenn man im Studium auf keinen Fall Zeit verlieren möchte. Das Wichtigste zum Überleben auf dem Campus ist es daher, Fragen zu stellen. Man darf auf keinen Fall auf den Mund gefallen sein, denn Ansprechstellen gibt es schon. Vielleicht ist alles ein bisschen chaotischer als in Deutschland. Und da zeigt sich dann, ob man gemacht ist für ein Auslandssemester. Darüber sollte man nachdenken, wenn man den Plan ins Auge fasst, ins Ausland gehen zu wollen. Dabei sind die ersten paar Wochen mit Sicherheit die Här­tes­ten. Man lernt, fernab seiner gewohnten Umgebung, in einer fremden Sprache tagtäglich zu kommunizieren. Man lernt, sich anzupassen, muss sich in einer neuen Stadt und Universität zurechtfinden. Man muss Freunde finden und organisieren.

Und irgendwann, früher oder später, steht man dem stärks­ten Gegner gegenüber: Dem Heimweh. Heimweh ist eben nicht nur weit weg von zu Hause zu sein. Es ist auch, fernab seiner Freunde und Familie zu sein. Nur über Telefon und Internet mit ihnen sprechen zu können. Und man verpasst vieles. Da möchte ich nichts schön reden. Als Au Pair hat man den großen Vorteil, bereits Kontakt zu Franzosen zu haben, nicht völlig allein zu leben und bei Fragen einen Ansprechpartner zu haben. Mehr noch, die Zweitfamilie wächst einem auch ans Herz. Wer im Studentenwohnheim wohnt, muss seine Kontakte erst finden, und viele machen den Fehler, auf ihre deutschen Mitstudenten zu bauen. Mehr Deutsch als Französisch zu sprechen. Denn es ist meistens so, dass die ersten Kontakte im fremden Land andere Erasmusstudenten sind. Man trifft sie an der Uni, sie sind leicht zu erkennen. Man hat mit ihnen Sprachunterricht.

Um aber mit „Einheimischen“ in Kontakt zu kommen, bedarf es richtiger Anstrengung. Manchen gelingt es nie. Vor allem denen nicht, die nur mit den Auslandsstudenten zusammen sind. Ich persönlich fand es auch schwierig, mit den Franzosen in Kontakt zu treten. In Kursen wurde ich oft ignoriert, obwohl ja jeder sah, dass ich als Ausländerin allein war. Diese Erfahrung hat mich auch gelehrt, jetzt, wieder zurück in Köln, häufiger auf Erasmusstudenten zuzugehen. Ich weiß, wie einsam man sich fühlt, wenn keiner Notiz von einem nimmt.

Dann habe ich aber doch noch eine Freundin gefunden, die ich heute nicht mehr missen möchte. Sie hat mich in ihren Freundeskreis eingeführt, sodass ich noch ganz viele weitere Freunde gefunden habe. Mit meiner Gastfamilie ist eigentlich immer alles glatt gelaufen. Klar nervt man sich mal. Es ist halt eine Art Familie. Aber ich glaube, dass ich mich nirgendwo so schön hätte aufgenommen und angenommen fühlen können wie dort. Ich kann daher nur ein sehr positives Fazit aus meinem Auslandsaufenthalt ziehen. Ich habe gelernt, selbstständiger zu sein, habe Einblicke in eine andere Kultur bekommen und andere Sichtweisen entwickelt, zum Beispiel über das, was „typisch deutsch“ oder „französisch“ ist. Ich bin auch ein bisschen gereist im Land, habe verschiedene Städte besucht. Französisch zu sprechen fällt mir nun sehr leicht; und ich glaube, dass ich auch als Person viel offener geworden bin. Ganz zu schweigen davon, dass die Auslandserfahrung von jedem Arbeitgeber als großer Pluspunkt gewertet werden wird, da sie „internationale Kompetenzen“ bescheinigt.

Am wichtigsten jedoch ist mir ein ganz anderer Punkt, an dem man vielleicht am besten den Erfolg seines Auslandsaufenthaltes messen kann: Menschen kennen gelernt zu haben, die es wert sind, mal wieder zurückzukehren.