No. 7  



Das Magazin & Online


 

von Sara-Lena Niebaum





 

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Wie „social“ sind „social networks“?
Facebook ist nicht alles ...


Samstagabend, 20 Uhr. Was könnte man zu dieser Zeit schon anderes machen, als raus in die Nacht zu stürmen und das Leben zu genießen. „Party“ ist das Stichwort! Und weil ich genau darauf jetzt Lust habe, greife ich zum Telefon und rufe eine Freundin an. Alleine auszugehen, macht ohnehin keinen Spaß und wer, wenn nicht die beste Freundin, sollte schon wissen, was man gemeinsam unternehmen kann!? Nachdem das Rufzeichen zweimal erklingt, geht sie dann auch dran. Als ich jedoch frage, was man an diesem wunderbaren Abend machen könnte, muss ich erfahren, dass der Abend schon geplant ist.

Warum wusste ich davon nichts? Noch bevor ich diese Frage jedoch stellen kann, schallt mir schon ihre Antwort dazu aus dem Telefonhörer entgegen: „Ich hätte dir ja bei Studi geschrieben, aber du bist so selten on…“ Die Worte werfen mich vollkommen aus der Bahn. Die digitale Welt beeinflusst das reale Leben immer mehr und das macht mir unglaublich Angst. Ich beginne mich zu fragen: Kann ich nicht mehr am Leben teilhaben, ohne in einem „social network“ aktiv zu sein? Ganz ehrlich: Wie oft warst du heute schon „online“? Wie oft hast du heute deine E-Mails gecheckt und deinen Gefühlszustand im „Buschfunk“ bei Studi-VZ geäußert? Natürlich darf man den Facebookaccount auch nicht vergessen, denn sonst wird schließlich nicht jeder auf dem Laufenden gehalten.

Mittlerweile kann man doch wirklich schon von „Digitalstress“ sprechen! Das Ganze kostet nämlich auch Zeit und wenn man mal einen Tag eines der vielen Portale vernachlässigt hat, hat man ganz schnell das Gefühl, nein, die Angst, etwas verpasst zu haben. Vor ein paar Jahren war dieser Stress noch nicht vorhanden, aber verständigen konnten sich die Menschen trotzdem. Wie war das nur möglich ohne Handy und Internet Informationen auszutauschen? Ganz einfach und vor allem ohne Stress: Telegramme und Briefe ermöglichten die Verständigung über eine größere Distanz. Die Zustellung dauerte natürlich ein wenig länger, sodass die Neuigkeiten nicht immer „direkt“ und ganz „aktuell“ ausgetauscht werden konnten.

Das wäre heute für viele eine schreckliche Vorstellung. Irgendwann wurde dann das Telefon erfunden und stetig weiterentwickelt. Der Vorteil dieses Kommunikationsinstruments war, dass man in Echtzeit miteinander sprechen konnte. Das kann man mit der modernen Internettechnik auch, aber hinzu kommt noch ein weiterer Vorteil der digitalen Welt: Niemand ist mehr unerreichbar! Man findet alte Schulfreunde wieder oder gar Personen, die den gleichen Kindergarten besucht haben. Das war natürlich in postmodernen Zeiten undenkbar. Bei diesem ständigen Suchen und Finden von Bekannten und ehemaligen Freunden, wird jedoch ein Phänomen deutlich: Hat man den Kontakt erst einmal wieder entdeckt, dann „addet“ man einander, auf Deutsch: Man fügt eine Person der Freundesliste hinzu.

 Aber wirklicher Kontakt? Fehlanzeige! Es scheint zu reichen, dass man jederzeit miteinander kommunizieren könnte. Es dann auch zu tun, ist eine andere Sache. Stattdessen nimmt man kurze Informationen über die anderen Personen auf, indem man einmal auf die Startseite des eigenen Accounts schaut. Man erfährt dabei aber nicht wirklich Interessantes oder gar Persönliches, sondern liest Aussagen wie „Ich geh jetzt einen Kaffee trinken“, „XY hat keine Lust mehr“, „Paaaartyyyyyy“. Aber mal Hand aufs Herz, lieber Leser: Sind das lebensrelevante Informationen? Auch toll ist die Erinnerungsfunktion bei den social networks. Jedes Jahr muss ich pünktlich zu meinem Geburtstag darüber schmunzeln, wie viele Leute doch an das Datum gedacht haben. Die Pinnwand (das ist übrigens so etwas wie ein kleines Gästebuch, in das „Freunde“ auf der persönlichen Seite schreiben können) ist voll geschrieben mit besonders kreativen Worten wie „Herzlichen Glückwunsch“ oder der englischen Version „Happy Birthday“. Damit das Ganze dann noch sympathischer wirkt, werden hinter die geschriebenen Worte noch ein Doppelpunkt und eine geschlossene Klammer gesetzt - und fertig ist das freundliche Lächeln!

Leider kann ich mich über die, sicherlich gut gemeinten, Nachrichten nicht freuen, denn sie kommen nicht von Herzen. Echte Freunde wissen die Geburtstagsdaten voneinander und sie bringen in der Regel mehr als zwei Worte raus. Wenn jemand Geburtstag hat, dann umarmt man ihn und überreicht ein kleines Geschenk. Aber in der digitalen Welt ist dafür keine Zeit. Mittlerweile gibt es ja auch E-Cards, also Postkarten, die über das Internet verschickt werden können. Kurz: Man braucht noch nicht einmal einen Kuli und einen Zettel herauszukramen um jemandem eine Nachricht zu schicken. An diesen Karten ist nichts persönlich, denn es ist noch nicht einmal nötig, die eigene Unterschrift darunter zu zeichnen. Super - die Bequemlichkeit siegt!

Mir wird klar: Die Menschheit hat Kommunikation miss­verstanden. Wir nutzen nur noch elektronische Dienste, um uns etwas mitzuteilen. Die Nachrichten bestehen aus geschriebenen Worten und kleinen Symbolen. Für alles gibt es ein Zeichen, sodass sogar ein herzhaftes Lachen zu „lol“ wird und ein Kuss lediglich durch eine Kombination aus Doppelpunkt, Minus und Sternchen-Symbol dargestellt werden kann. Um eine Freundschaft zu schließen, muss bei der digital gesendeten Anfrage nur noch auf einen Button mit dem Wort „Bestätigen“ geklickt werden und schon ist man durch das social network für immer verbunden!

Aber: Wie „social“ ist das eigentlich noch? Viele verlernen durch diese Art von Kommunikation nämlich, wie wichtig soziale Kompetenzen in der Schule und im Beruf sind. So beginnt meiner Meinung nach ein echter Teufelskreis: Wer nicht mehr real kommunizieren kann, der muss digital bleiben! An dieser Stelle möchte ich den deutschen Philosoph Karl Jaspers zitieren, denn er bringt es wirklich auf den Punkt: „Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen.“ Ich stimme ihm zu. Tiere können nicht sprechen, sie schicken sich keine Briefe und lesen einander auch keine Geschichten vor. Wir sollten stolz sein, dass wir all dies unbeschwert tun können. Ich halte Kommunikation für einen wichtigen Bestandteil unserer alltäglichen Welt. Wenn wir verlernen durch Sprache unsere zwischenmenschlichen Beziehungen auszudrücken, wird das Leben immer schwieriger, denn nicht das Internet, sondern die Alltagswelt wird dann abstrakt.

„Bist du noch da?“ Die Frage meiner Freundin unterbricht meine Gedanken plötzlich. Ich hatte ganz vergessen, dass ich immer noch mit ihr telefoniere. „Ähm…Ja, ich mach mich jetzt auf den Weg zu dir.“ Ich lege auf, ziehe mir schnell meine Schuhe an und schnappe mir meine Jacke. Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt, kann ich mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen: Zum Glück kann man WG-Partys noch nicht im Internet feiern…!