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von Sara-Lena Niebaum

Foto: privat
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Mein Monat auf Hartz IV
Ein Selbstversuch
Durchschnittlich 35.000 Euro
Schulden haben Hartz-IV-Empfänger, die in die Kostenfalle getappt sind,
Arbeitslosigkeit gilt mittlerweile als der häufigste Grund für den privaten
Finanzabsturz und besonders hart trifft es alleinerziehende Mütter und
Singles. Die Hilfeleistungen des Fiskus gelten zwar als die wichtigste Säule
eines Sozialstaats, doch wer einmal mit ihnen leben musste, weiß, dass auch
sie nicht jede Existenz absichern können. Parallel zu sinkenden
Leistungsumfängen diskutieren Politiker wochenlang über Erhöhungen und das
Ergebnis derartiger Diskurse ist oftmals alles andere als zufrieden
stellend. So wie im September 2010. SPD und CDU hatten getagt, sich
ausgetauscht, beraten, waren in Klausur gegangen und als Ergebnis
präsentierten sie einige Wochen später eine Erhöhung des Leistungsumfangs –
und zwar um 5 Euro. So sollte der Höchstsatz des Arbeitslosengeldes II
(Hartz IV) von 359 auf 364 Euro steigen. Im Gegenzug wurden jegliche
Ansprüche gekürzt, mit der Begründung, sie seien nicht als Teil der
Existenzsicherung vonnöten. Ich begann mich zu fragen: Konnten es wirklich
diese 5 Euro sein, die es Arbeitslosen einfacher machen sollten, ihr Leben
zu finanzieren? War es gar nur eine Art Volksverhöhnung, ganz nach dem
Motto: „Nehmt 5 Euro, dann seid ihr wenigstens still“? Oder war der Betrag
am Ende mehr als angebracht? Reichte er vielleicht sogar vollkommen aus,
alle monatlichen Kosten zu decken? Ich entschied mich im Oktober für den
Selbstversuch, im November 2010 einen Monat auf dem finanziellen Niveau
eines Arbeitslosengeld-Empfängers zu leben. Bevor ich über meine Erfahrungen
berichte, muss ich einiges klar stellen. Es ging mir nicht darum, mich in
die Situation eines Arbeitslosen zu versetzen. Das wäre mehr als anmaßend.
Schließlich habe ich einen Mini-Job, studiere und arbeite ehrenamtlich bei
einem Radio. Nie konnte und wollte ich nachempfinden, was es tatsächlich
bedeutet, arbeiten zu wollen, aber aus Gründen wie etwa eines fehlenden
Qualifikationsgrad, eines zu hohen Alters oder Stellenknappheit am
Arbeitsmarkt nicht arbeiten zu können. Auch ging es mir nicht darum, die
Situation Arbeitsloser, die sich bewusst und aus reiner Bequemlichkeit für
dieses Leben entschieden (man erinnere sich nur an „Florida-Rolf“ aus dem
Jahr 2003), zu replizieren. Im Gegenteil: Mein Selbstversuch galt vor allem
der Erfahrung mit monetären Grenzen, die der Staat festsetzt, obwohl der
entsprechende Leistungsempfänger nicht unbedingt aus eigener Schuld auf
diese angewiesen ist. Ich wollte wissen, ob es wirklich diese 5 Euro waren,
die am Ende des Monats fehlten, oder ob vielleicht noch viel mehr nötig
wäre, um menschenwürdig, im rechtlichen, nicht moralischen Sinne, leben zu
können. Mein Status als Studentin ist zudem keineswegs objektiv vergleichbar
mit dem eines Hartz-IV-Beziehenden. Ich handelte vollkommen freiwillig,
musste keine Auflagen des Arbeitsamtes erfüllen und war völlig frei in dem,
was ich mit dem Geld machen würde. Die einzige Übereinstimmung zwischen
einem Arbeitslosen und mir: Auch ich muss meine Finanzen selbst einteilen,
entscheiden, für was ich mein Geld ausgebe, Lebensmittel davon kaufen,
Rechnungen bezahlen. Und ich muss es abermals betonen: Dieser Selbstversuch
erhebt nicht den Anspruch objektiv zu sein. Es ist eine persönliche
Erfahrung mit einer ganz persönlichen Motivation. Alle psychischen
Belastungen, die die Arbeitslosigkeit mit sich bringt, musste ich nicht
durchleben und, wie gesagt: genau das zu imitieren, wäre definitiv anmaßend
gewesen.
Woche 1:
Ach, da war ja was... Planung ist für einen Versuch unabdingbar, jedenfalls
theoretisch. Ich bereitete mich auf die kommenden 30 Tage vor, rechnete aus,
wie viel ich pro Woche insgesamt zur Verfügung hatte, wie viel ich pro Tag
ausgeben konnte und was letztendlich übrig bleiben müsste. Für den Anfang
entschied ich mich für die Grenze von 359 Euro. Sollte ich damit auskommen,
könnten die 5 Euro als überflüssig, gar als Geschenk des Staates verstanden
werden. Doch wenn nicht, ja, wenn ich mehr brauchen sollte, dann wäre das
Gegenteil der Fall. Um selbst nicht allzu häufig in die Versuchung zu
kommen, etwas zu konsumieren, legte ich mir meine Termine so, dass ich
möglichst wenig freie Zeit dazwischen hatte. Ich war überzeugt, ich könnte
es schaffen, mit dem Betrag über die Runden zu kommen. Doch schon in der
ersten Woche musste ich meine anfänglichen Pläne verwerfen. So hatte ich mir
zu Beginn des Semesters Mitte Oktober Bücher für mein Studium bestellt. Und
die waren nun Anfang November abholbereit und zu bezahlen. 70 Euro musste
ich so auf einen Schlag ausgeben – und das obwohl ich pro Tag nur knapp 12
Euro zur Verfügung hatte. Nach Abzug des Bücherpreises blieben nun noch rund
9,60 Euro pro Tag. Auch das Einkaufen gestaltete sich schwieriger. Ich
verzichtete auf sämtliche Markenartikel, die ich besonders gerne mochte und
griff in die untersten Regalbretter. Getränke ließ ich gänzlich stehen –
schließlich war Tee immer noch kostengünstiger. Die einzige Aufmunterung:
Immerhin konnte ich mir morgens noch meine Tageszeitung zulegen und die Wege
zwischen den Terminen glücklicherweise mit einem günstigen Coffee-to-go
füllen.
Woche 2:
Philosophische Sphären Mittlerweile hatte sich eigentlich alles ganz gut
eingespielt. Ich hatte am Wochenende auf den üblichen Clubbesuch verzichtet,
musste ich doch feststellen, dass man unter 10 Euro oftmals nicht einmal die
Türschwelle einer Disko übertreten darf. Eine gemütliche Runde unter
Freunden, die natürlich anschließend auf die entsprechende Party loszogen,
war mindestens genauso amüsant. Und die sonntägliche Miesepeter-Stimmung
blieb ebenso aus. Ich begann das Experiment mit all seinen Vorteilen zu
sehen. Ich hatte mich jeglichem Konsumzwang entledigt, hatte ein Gefühl
dafür bekommen, die Vorzüge des Verzichts zu genießen. Immer wieder ertappte
ich mich bei dem Gedanken „Mein Gott, wie viel Zeit hab ich nur vorher an
das Konsumieren verschenkt…?“ Der Haken war allerdings, dass ich nun trotz
aller Termine plötzlich viel zu viel Zeit hatte. Da konnte dann irgendwann
auch kein Coffee-to-go mehr helfen. Ich verbot mir selbst, auch nur in die
Nähe einer Konsumquelle zu gelangen, denn ich witterte die Gefahr, dass mir
doch irgendeines der Produkte gefallen könnte – egal, ob ich es mir leisten
konnte oder nicht. Woche zwei war also vornehmlich bestimmt durch Disziplin
und Selbstbeherrschung. Und es hätte auch alles klappen können, wenn ich am
Ende der Woche nicht festgestellt hätte, dass ich eine neue Pillenration
brauchte. Verärgert und mit einem unangenehmen Gefühl in der Magengegend
stapfte ich zu meiner Ärztin. Dort musste ich natürlich die 10 Euro
Praxis-Gebühr bezahlen (Anmerkung: Hartz-IV-Empfänger bekommen diesen Betrag
auf Antrag wieder zurückerstattet; ich verbuchte die 10 Euro als normaler
Kostenfaktor, da ich die Bilanz nicht fälschen wollte). In der nahe
gelegenen Apotheke orderte ich die Bestellung per Rezept. Kostenpunkt: 46,85
Euro. Zum Vergleich: ein Hartz-IV-Empfänger hat für die „Gesundheitspflege“
13,18 Euro zur Verfügung. Diese Summe hatte ich mit einem Kauf um mehr als
das Dreifache überschritten – und mein Tages-Budget sank proportional. In
diesem Kontext betrachtet, ist es nur wenig verwunderlich, dass, wie
spiegel.de 2010 berichtete, die Zahl ungewollter Schwangerschaften seit der
Einführung von Hartz IV erheblich gestiegen ist.
Woche 3:
Wenn das Patenkind Geburtstag hat… Die Hälfte des Monats war geschafft und
das Novemberkonto dementsprechend leer. Rund 8 Euro blieben mir pro Tag. Ich
begann an meiner Haushaltspolitik zu verzweifeln. Was hatte ich falsch
gemacht? Das Geld an den falschen Stellen gelassen? Und wenn ja: Wo
bitteschön? Luxus und übermäßiger Konsum waren doch mittlerweile Fremdworte
für mich geworden. Inzwischen konnte ich jegliche Freizeitaktivitäten an den
Nagel hängen. Mit 8 Euro kommt man heutzutage nicht einmal mehr ins Kino und
da die Außentemperaturen nicht gerade zum Sitzen im Park einluden,
verbrachte ich meine Zeit zwischen meinen Jobs und meinen Studienbüchern,
deren Preis sich schließlich lohnen sollte. Okay, ich sah ein, dass ich mehr
sparen musste. Und das dürfte ja auch kein Problem werden, dachte ich noch
so bei mir, als ich in roter Farbe einen Termin in meinem Filofax entdeckte,
der nicht zu verschieben war: Der Geburtstag meines Patenkindes stand vor
der Tür und mit ihm die Kosten für ein Geschenk und dessen Versand. Ich
suchte mehrere Stunden nach einem stilvollen, nicht aber zu teuren Geschenk.
Wie hatten die ganzen Spielwaren in den letzten Jahren nur so teuer werden
können? Und wer sollte das noch bezahlen? Für alleinerziehende Eltern, die
unter Umständen gar mehrere Kinder haben, waren selbst die heruntergesetzten
Preise alles andere als günstig. Sind Kinder der neue Luxus des Prekariats?
Immerhin musste ich schon in Woche zwei lernen, dass sogar die entsprechende
Verhütung einem Luxus-Gut gleicht.
Woche 4:
Unverhofft kommt oft… Mit Beginn der letzten Woche fing ich an, Bilanz zu
ziehen. Überrascht und mit ein wenig Stolz stellte ich fest, dass ich noch
ein paar Euro übrig hatte. Ich entschied mich für den Kauf eines Buches, das
ich schon den ganzen Monat über im Visier hatte. Der Rest musste für die
üblichen Dinge reichen. Noch ein Mal einkaufen, noch ein bis zwei
Coffee-to-go, die obligatorischen Kosten abgleichen, die im Laufe eines
Monats eben anfallen. Auch meine sozialen Kontakte mussten wieder
aufgefrischt werden, schließlich hatte ich einige Male absagen müssen, weil
das Geld einfach nicht reichte. Ich war erleichtert und froh, als ich das
Datum 29.11.2010 in meinem Filofax sah. Noch ein Tag, an dem ich mich zügeln
und auf meine kleinen Wünsche, für die ich schließlich arbeiten ging,
verzichten musste. Noch ein Tag und ich konnte mir wieder das leisten, was
ich wollte. Noch ein Tag und ich war wieder frei von Zwängen sowie dem Druck
nicht zu viel auszugeben, um die magische Grenze von 359 Euro bloß nicht zu
übertreten. Dann blieben schließlich die 5 Euro, der diskursive
Ausgangspunkt des Selbstversuchs, übrig. Am 29. November ging ich mit dem
beruhigten Gewissen zu Bett, dass ich noch die 1,50 Euro für den
Coffee-to-go im Portemonnaie hatte und ansonsten für den nächsten Tag auch
nichts anderes benötigte.
Aber als ich am nächsten Morgen, bewaffnet mit meinem Kaffee, zum
Kontoauszugsdrucker schritt, um meinen Erfolg schwarz auf weiß zu sehen,
wurde ich bitter enttäuscht: Die monatlichen Fernsehgebühren von 16,90 Euro
hatte ich in meiner Planung vergessen.
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Selbst wenn man unbedingt will, ein Ticket
für ein Rockkonzert,
einen Museumsbesuch oder für den 1. FC Köln ...
nee, das ist nicht drin, da kannste nix machen.
Foto: Q1stein-Redaktion |