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Kolumne von
Sara-Lena Niebaum

Foto: privat
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Individualität - oder:
wenn plötzlich alle gleich aussehen…
Individualität – in keinem
anderen Bereich des Alltags ist dieses Stichwort präsenter als in der Mode.
Und die Vielseitigkeit der Modeindustrie bietet es schließlich auch gerade
an, dass sich jeder finden und darstellen kann, wie es ihm gefällt. Aber
bleiben wir ehrlich, wer einmal den Blick schweifen lässt, erkennt schnell,
dass Trend-Setting genau das Gegenteil bewirkt. Plötzlich tragen alle
Chino-Pants, High-Heels von angesagten Marken, T-Shirts mit coolen Prints,
Leo-Muster oder den tollsten Nagellack der Welt, der im kommenden Monat
übrigens wieder völlig out ist. Kurzum: Trends sorgen dafür, dass trotz des
großen Bedürfnisses nach Individualität alles Andere herrscht als eben
diese. Und plötzlich sehen alle gleich aus… Wie konnte das nur passieren?
*****
Klar, die Modeindustrie ist schnelllebig und besonders das bereitet vielen
auch den meisten Spaß. Man stürzt sich auf die neuesten Schnitte, erlebt wie
vielseitig man sich kleiden kann, erfindet sich quasi selbst immer wieder
neu. Oft sieht man Personen auf der Straße und bemerkt, wie wunderbar die
aktuellsten Ideen der Designer getragen und kombiniert werden können. In der
Umkleidekabine des liebsten Klamottenladens stellt man oftmals überrascht
fest, dass sie auch am eigenen Körper durchaus gut aussehen - oder legt sie
directement ad acta. Die Kehrseite des Trend-Setting wird häufig erst
offensichtlich, wenn man sich an den neuen Style gewöhnt, gar seinen
Kleiderschrank auf diesen getrimmt hat: Schließlich haben auch andere das
Neue ausprobiert, mussten in der Umkleidekabine ebenfalls feststellen, dass
es die eigenen Vorteile betont und haben ihren Kleiderschrank genauso auf
diesen neuen Trend hin umgepolt. Alle gemeinsam haben sich einen neuen Trend
diktieren lassen und dieses Phänomen ist auch nicht weiter verwunderlich:
Ein Trend wird schließlich erst dann zu einem Trend, wenn mehrere daran
teilhaben wollen. Allen Trend-Settern ist jedoch gemeinsam, dass sie
eigentlich unter den anderen besonders positiv auffallen möchten, sich
sozusagen alle durch etwas Individuelles auszeichnen wollen.
Vor lauter Individualität sehen plötzlich alle gleich aus. Aber
Individualität ist nicht immer angesagt. Ich erinnere mich nur allzu gut an
meine ersten Tage in der fünften Klasse, allerdings sind das nicht unbedingt
schöne Erinnerungen. Das lag vor allem an meiner Schultasche. Die war zwar
unglaublich individuell, aber genau das störte mich an ihr. Ausgesucht hatte
sie meine Mutter, die mir einige Wochen zuvor mit Stolz eingeredet hatte,
dass eine Ledertasche besonders gut zu mir passen würde. Naiv und
beeinflussbar, wie ich zu dieser Zeit war, hatte ich mich nicht getraut,
dieser Meinung zu widersprechen und war irgendwann selbst überzeugt davon,
dass eine Ledertasche wirklich toll aussähe. Und das zu einer Zeit, zu der
die meisten mit einem lässigen 4You oder Eastpack durch die Schule
schlurften. Nun ja, zwischen diesem Trend fiel ich dementsprechend
lächerlich auf mit meiner Ledertasche, die mir meine Mutter ohne böse
Absicht geschenkt hatte.
Ich habe sie damals gehasst – nicht meine Mutter, sondern diese Ledertasche.
Ich wurde von meinen neuen Mitschülern gefragt, warum ich keinen Eastpack
tragen würde oder einen coolen 4You, so wie alle anderen. Ich war plötzlich
so individuell, wie ich es gar nicht hatte sein wollen – und wünschte mir zu
meinem nächsten Geburtstag einen neuen Schulrucksack, dank dem ich meine
olle Ledertasche in die hinterste Ecke meines Schrankes verbannen konnte.
Obwohl diese Geschichte schon über 10 Jahre her ist, musste ich im vergangen
Winter wieder an meine ach so gehasste Ledertasche denken. Der Grund war vor
allem der Trend der vergangenen Saison: Die zwanziger Jahre waren wieder
zurück in die Läden und auf die Straßen Leipzigs gekehrt. Und mit ihnen
kamen olle Ledertaschen. „Mensch, ich hatte da doch noch irgendwo…“, war
mein erster Gedanke. Aber falsch gedacht: Die Ledertasche war längst über
alle Berge, hatte die Verbannung in die hinterletzte Ecke meines Schranks
ernst genommen. Tja, blöd gelaufen – nachdem ich über meine erste Trauer und
die Einsicht, dass ich mir wohl eine neue Tasche anschaffen musste, hinweg
war, musste ich grinsen. Welche Ironie: Damals wollte ich das Ding nicht
tragen, weil ich damit zu individuell und unangenehm aufgefallen war und
heute hätte ich mir nichts sehnlicher gewünscht. Ich musste nämlich
feststellen, dass die Teile wirklich etwas taugen und unglaublich praktisch
und super kombinierbar sind. Jedenfalls beobachtete ich das bei anderen
Ledertaschen-Trägern. Was ich tat? Ich verzichtete auf eine neue Tasche und
entschied mich für Individualität. Den Ledertaschen-Trend hatte ich
schließlich längst überstanden – nur zur falschen Zeit.
Der Schritt hin zum Verzicht dieses Trends förderte zwar meinen
Individualitätsstatus, war aber auch nicht sonderlich kreativ. Dabei hängen
Kreativität und Individualität untrennbar zusammen. Schließlich entsteht
letzteres aus ersterem. Wer auf seine eigenen kreativen Ideen vertraut, ist
besonders schnell individuell, denn kein anderer kann eben diese Idee haben.
Wenn es um Trends geht, ist aber auch das oftmals ein Trugschluss. Besonders
offensichtlich ist das zurzeit im Blogger-Business. Blogs sind die
kreativste Idee des 21. Jahrhunderts: Hier kann sich jeder in der Form
präsentieren, die ihm/ihr gefällt, kann sich ausprobieren und medial
auffallen, denn eigentlich dürfte kein Blog dem anderen gleichen, sind es
doch schließlich immer andere Urheber. Leider ist aber auch Zugangsfreiheit
einer der Grundpfeiler des Internets und gleichzeitig auch Schuld daran,
dass Blogs sich innerhalb kürzester Zeit zu einem beliebten Instrument
entwickelten, Persönliches zu veröffentlichen. Jetzt da jeder kann, will
auch jeder mitmachen. Doch wie es nun einmal bei jedem Trend ist, fällt man
dann in der Masse nur noch wenig auf. Und ich spreche da aus Erfahrung.
Stieß der Satz „Ich bin Bloggerin“ vor wenigen Monaten noch auf
interessierte Ohren, kommt heute meist ein „Ja und, wer ist das nicht?“
zurück.
Kommen wir also noch einmal zur Anfangsfrage zurück: Wie konnte das nur
passieren? Wieso sehen trotz des großen Ziels individuell zu sein, plötzlich
alle gleich aus? Die Antwort ist denkbar einfach: Es liegt am
Mitläufer-Effekt. Der führt dazu, dass sich im Endeffekt nur noch derjenige
individuell nennen darf, der den Trend setzt. Also ist der Individualist der
Eine unter eine Million Anderen. Die Chance dieser Eine zu sein, ist
dementsprechend gering – und zwar eins zu einer Million. Wie man dieser Eine
werden kann? Einfach nicht mitlaufen und das gilt vor allem in der Mode.
Trends zu setzen, schließt meist auch ein, gegen den Strom zu schwimmen (in
diesem Fall: zu laufen). Wer sich selbst darstellen kann, ohne dabei auf
längst Entdecktes zurückgreifen zu müssen, der darf sich wirklich
individuell nennen, ja, der ist eben dieser Eine unter einer Million. Kurz:
Der Schlüssel zur Individualität ist die eigene Kreativität. Und die macht
doch eigentlich viel mehr Spaß, als irgendeinem kurzweiligen Trend
hinterherzulaufen – jedenfalls sagen das alle Anderen.
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Fingernägel, in allen Farben und vor allem rot lackiert, Ringe jeglicher Art
- all dies ein Ausdruck von Individualität. Foto: Q1stein-Redaktion
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