No. 8  



Das Magazin & Online

Kolumne von
Sara-Lena Niebaum



Foto: privat


 

zurück

Individualität - oder:
wenn plötzlich alle gleich aussehen…

Individualität – in keinem anderen Bereich des Alltags ist dieses Stichwort präsenter als in der Mode. Und die Vielseitigkeit der Modeindustrie bietet es schließlich auch gerade an, dass sich jeder finden und darstellen kann, wie es ihm gefällt. Aber bleiben wir ehrlich, wer einmal den Blick schweifen lässt, erkennt schnell, dass Trend-Setting genau das Gegenteil bewirkt. Plötzlich tragen alle Chino-Pants, High-Heels von angesagten Marken, T-Shirts mit coolen Prints, Leo-Muster oder den tollsten Nagellack der Welt, der im kommenden Monat übrigens wieder völlig out ist. Kurzum: Trends sorgen dafür, dass trotz des großen Bedürfnisses nach Individualität alles Andere herrscht als eben diese. Und plötzlich sehen alle gleich aus… Wie konnte das nur passieren? *****

Klar, die Modeindustrie ist schnelllebig und besonders das bereitet vielen auch den meisten Spaß. Man stürzt sich auf die neuesten Schnitte, erlebt wie vielseitig man sich kleiden kann, erfindet sich quasi selbst immer wieder neu. Oft sieht man Personen auf der Straße und bemerkt, wie wunderbar die aktuellsten Ideen der Designer getragen und kombiniert werden können. In der Umkleidekabine des liebsten Klamottenladens stellt man oftmals überrascht fest, dass sie auch am eigenen Körper durchaus gut aussehen - oder legt sie directement ad acta. Die Kehrseite des Trend-Setting wird häufig erst offensichtlich, wenn man sich an den neuen Style gewöhnt, gar seinen Kleiderschrank auf diesen getrimmt hat: Schließlich haben auch andere das Neue ausprobiert, mussten in der Umkleidekabine ebenfalls feststellen, dass es die eigenen Vorteile betont und haben ihren Kleiderschrank genauso auf diesen neuen Trend hin umgepolt. Alle gemeinsam haben sich einen neuen Trend diktieren lassen und dieses Phänomen ist auch nicht weiter verwunderlich: Ein Trend wird schließlich erst dann zu einem Trend, wenn mehrere daran teilhaben wollen. Allen Trend-Settern ist jedoch gemeinsam, dass sie eigentlich unter den anderen besonders positiv auffallen möchten, sich sozusagen alle durch etwas Individuelles auszeichnen wollen.

Vor lauter Individualität sehen plötzlich alle gleich aus. Aber Individualität ist nicht immer angesagt. Ich erinnere mich nur allzu gut an meine ersten Tage in der fünften Klasse, allerdings sind das nicht unbedingt schöne Erinnerungen. Das lag vor allem an meiner Schultasche. Die war zwar unglaublich individuell, aber genau das störte mich an ihr. Ausgesucht hatte sie meine Mutter, die mir einige Wochen zuvor mit Stolz eingeredet hatte, dass eine Ledertasche besonders gut zu mir passen würde. Naiv und beeinflussbar, wie ich zu dieser Zeit war, hatte ich mich nicht getraut, dieser Meinung zu widersprechen und war irgendwann selbst überzeugt davon, dass eine Ledertasche wirklich toll aussähe. Und das zu einer Zeit, zu der die meisten mit einem lässigen 4You oder Eastpack durch die Schule schlurften. Nun ja, zwischen diesem Trend fiel ich dementsprechend lächerlich auf mit meiner Ledertasche, die mir meine Mutter ohne böse Absicht geschenkt hatte.

Ich habe sie damals gehasst – nicht meine Mutter, sondern diese Ledertasche. Ich wurde von meinen neuen Mitschülern gefragt, warum ich keinen Eastpack tragen würde oder einen coolen 4You, so wie alle anderen. Ich war plötzlich so individuell, wie ich es gar nicht hatte sein wollen – und wünschte mir zu meinem nächsten Geburtstag einen neuen Schulrucksack, dank dem ich meine olle Ledertasche in die hinterste Ecke meines Schrankes verbannen konnte.

Obwohl diese Geschichte schon über 10 Jahre her ist, musste ich im vergangen Winter wieder an meine ach so gehasste Ledertasche denken. Der Grund war vor allem der Trend der vergangenen Saison: Die zwanziger Jahre waren wieder zurück in die Läden und auf die Straßen Leipzigs gekehrt. Und mit ihnen kamen olle Ledertaschen. „Mensch, ich hatte da doch noch irgendwo…“, war mein erster Gedanke. Aber falsch gedacht: Die Ledertasche war längst über alle Berge, hatte die Verbannung in die hinterletzte Ecke meines Schranks ernst genommen. Tja, blöd gelaufen – nachdem ich über meine erste Trauer und die Einsicht, dass ich mir wohl eine neue Tasche anschaffen musste, hinweg war, musste ich grinsen. Welche Ironie: Damals wollte ich das Ding nicht tragen, weil ich damit zu individuell und unangenehm aufgefallen war und heute hätte ich mir nichts sehnlicher gewünscht. Ich musste nämlich feststellen, dass die Teile wirklich etwas taugen und unglaublich praktisch und super kombinierbar sind. Jedenfalls beobachtete ich das bei anderen Ledertaschen-Trägern. Was ich tat? Ich verzichtete auf eine neue Tasche und entschied mich für Individualität. Den Ledertaschen-Trend hatte ich schließlich längst überstanden – nur zur falschen Zeit.

Der Schritt hin zum Verzicht dieses Trends förderte zwar meinen Individualitätsstatus, war aber auch nicht sonderlich kreativ. Dabei hängen Kreativität und Individualität untrennbar zusammen. Schließlich entsteht letzteres aus ersterem. Wer auf seine eigenen kreativen Ideen vertraut, ist besonders schnell individuell, denn kein anderer kann eben diese Idee haben. Wenn es um Trends geht, ist aber auch das oftmals ein Trugschluss. Besonders offensichtlich ist das zurzeit im Blogger-Business. Blogs sind die kreativste Idee des 21. Jahrhunderts: Hier kann sich jeder in der Form präsentieren, die ihm/ihr gefällt, kann sich ausprobieren und medial auffallen, denn eigentlich dürfte kein Blog dem anderen gleichen, sind es doch schließlich immer andere Urheber. Leider ist aber auch Zugangsfreiheit einer der Grundpfeiler des Internets und gleichzeitig auch Schuld daran, dass Blogs sich innerhalb kürzester Zeit zu einem beliebten Instrument entwickelten, Persönliches zu veröffentlichen. Jetzt da jeder kann, will auch jeder mitmachen. Doch wie es nun einmal bei jedem Trend ist, fällt man dann in der Masse nur noch wenig auf. Und ich spreche da aus Erfahrung. Stieß der Satz „Ich bin Bloggerin“ vor wenigen Monaten noch auf interessierte Ohren, kommt heute meist ein „Ja und, wer ist das nicht?“ zurück.

Kommen wir also noch einmal zur Anfangsfrage zurück: Wie konnte das nur passieren? Wieso sehen trotz des großen Ziels individuell zu sein, plötzlich alle gleich aus? Die Antwort ist denkbar einfach: Es liegt am Mitläufer-Effekt. Der führt dazu, dass sich im Endeffekt nur noch derjenige individuell nennen darf, der den Trend setzt. Also ist der Individualist der Eine unter eine Million Anderen. Die Chance dieser Eine zu sein, ist dementsprechend gering – und zwar eins zu einer Million. Wie man dieser Eine werden kann? Einfach nicht mitlaufen und das gilt vor allem in der Mode. Trends zu setzen, schließt meist auch ein, gegen den Strom zu schwimmen (in diesem Fall: zu laufen). Wer sich selbst darstellen kann, ohne dabei auf längst Entdecktes zurückgreifen zu müssen, der darf sich wirklich individuell nennen, ja, der ist eben dieser Eine unter einer Million. Kurz: Der Schlüssel zur Individualität ist die eigene Kreativität. Und die macht doch eigentlich viel mehr Spaß, als irgendeinem kurzweiligen Trend hinterherzulaufen – jedenfalls sagen das alle Anderen. 





Fingernägel, in allen Farben und vor allem rot lackiert, Ringe jeglicher Art - all dies ein Ausdruck von Individualität. Foto: Q1stein-Redaktion